Koblenzer helfen Kindern in Kenia

Verein Friedenskinder ist seit vielen Jahren in Nakuru aktiv: Nun muss noch eine weiterführende Schule gebaut werden.

 

Fotos: Naomi schreibt in der zweiten Klasse der Mirisa-Academy in Nakuru beim Sachkundeunterricht mit. Gemeinsam mit ihrem Bruder Evans geht sie morgens zur Schule.

Naomi und Evans gehen um 7 Uhr aus dem Haus. Gerade ist die Sonne über dem Lake Nakuru aufgegangen. Aus ihrer Lehmhütte können sie auf den See am östlichen Rand des Rift Valley schauen. Ein Morgen im Paradies? Nein. Die kleine Familie lebt in Barut, einem armen Stadtteil von Nakuru, der viertgrößten Stadt Kenias. Vor den beiden Kindern liegt der lange Weg zur Schule. Bevor sie das kleine Grundstück verlassen, kommen sie noch an dem Esel und der Kuh vorbei. Der Esel wird später einen Karren ziehen, mit dem ihr Vater Wasser an die Menschen in der Umgebung verteilt und damit ein paar Kenia-Schilling verdient. Mit dem Anbau von Gemüse, der Kuh und ein paar Hühnern versucht die Familie, sich – so weit es geht – selbst zu versorgen.

Ziel des allmorgendlichen Weges von Naomi und Evans ist die Mirisa Academy, eine Schule, die von dem in Koblenz und Bonn beheimateten Verein „Friedenskinder“ betrieben wird. Als die beiden Kinder dort ankommen, ist der Koblenzer Bauunternehmer Paul Sauer bereits gemeinsam mit Schulgärtner Jafeth dabei, das Bewässerungssystem, das den Schulgarten versorgt, neu aufzubauen. Hilfe zur Selbsthilfe steht für ihn hierbei an erster Stelle. Die in diesem Jahr fünfköpfige Mannschaft aus Koblenz ist nur zwei Wochen hier. „Das muss auch ohne uns funktionieren“, erklärt Paul Sauer, während er Jafeth zeigt, wie man die Schläuche des Tröpfchenbewässerungssystems anschließt.

Der Garten ist wichtig für die Schule, die für 300 Kinder von der Vorschule bis zur sechsten Klasse der Grundschule ein kleines Stück heile Welt bedeutet. Im Garten wird Gemüse angebaut, hauptsächlich Kohl und Karotten. Das gibt es zum Mittagessen, zusammen mit Reis oder Ugali, einem Getreidebrei aus Maismehl. Zum staatlichen Bildungssystem haben die meisten Mirisa-Schüler keinen Zugang. Ihre Eltern können weder das Schulgeld noch die Kosten für Schuluniform, Bücher und Materialien aufbringen. Nach Zahlen der UN können aktuell 22 Prozent der Kenianer nicht lesen und schreiben.

Als Paul Sauer vor 15 Jahren mit Berufsschülern aus Betzdorf das erste Projekt in Kenia startete, hätte er im Traum nicht daran gedacht, eine Schule zu bauen. Mit einer Gruppe von Jugendlichen errichtete er einen Wassertank, der auch heute noch nur wenige Kilometer von der Schule entfernt steht. Als er in diesem Jahr der Gruppe aus Koblenz den Tank zeigt, kommt ein junger Mann auf ihn zu, der sich noch an die Bauzeit und an Pauls rote Kappe, die er auch heute noch trägt, erinnert. Auch nach 15 Jahren sind die Anwohner der Mannschaft aus Koblenz und dem Westerwald zutiefst dankbar für das Bauwerk, das so viel verändert hat. Der Wassertank und die im Folgejahr gebaute drei Kilometer lange Wasserleitung, die den Tank auch heute noch speist, haben einen gewaltigen Aufschwung für die Gegend bewirkt. Zuvor mussten Frauen und Kinder das Wasser in Kanistern über einen langen und staubigen Weg nach Hause tragen.

Paul Sauer und seinem Projektpartner Norbert Rink war damals auch aufgefallen, dass viele Kinder keine Möglichkeit hatten, zur Schule zu gehen: „Bildung ist der Schlüssel für eine bessere Zukunft, deshalb haben wir ein Grundstück gekauft und wieder mit Berufsschülern drei Schulgebäude darauf errichtet“, erinnert sich der Koblenzer. Die Mirisa Academy war geboren, zunächst als Vorschule. 2009 wurden ein weiterer Wassertank und ein Spielplatz gebaut, 2010 folgte die achteckige offene Mensa. Seit dem Frühjahr 2010 finanziert der Koblenzer Verein Friedenskinder das Projekt, geleitet wird es von Paul Sauer und seiner Ehefrau Petra Schmidt-Sauer, die als Lehrerin ihre Erfahrung in das pädagogische Konzept und die Ausstattung mit Lernmitteln einbringt. Und das Gute zog Kreise: Viele Eltern wünschten sich, dass ihre Kinder nach der Vorschule auch eine Grundschule besuchen können. Deshalb kauften die Friedenskinder 2012 ein weiteres Gelände nur wenige Hundert Meter von der Vorschule entfernt. 2013 war Baubeginn, ein Jahr später wurde die erste Klasse eingeführt. Inzwischen ist die Schule mit allen Gebäuden, inklusive Küche, Verwaltung und Sportplatz fertiggestellt. Hier können jetzt acht Klassen unterrichtet werden.

Petra Schmidt-Sauer hat gerade eine Unterrichtsstunde der zweiten Klasse besucht. Auf dem Programm standen Handarbeiten. Die Friedenskinder hatten Wolle und Häkelnadeln gesammelt und nach Kenia gebracht. „Eigentlich dachten wir, dass die Bauarbeiten an der Primary jetzt abgeschlossen sind“, erklärt Petra Schmidt-Sauer. Gerade wird noch ein neues Toilettengebäude fertiggestellt. Doch eine unerwartete Änderung im kenianischen Schulsystem verlangt, dass Grundschulen nun verbindlich auch weiterführende Klassen anbieten. „Deshalb werden wir in den nächsten Jahren doch noch ein weiteres Unterrichtsgebäude für zwei Jahrgänge bauen. Dazu müssen wir natürlich zuerst einmal Spenden sammeln. Rund 40 000 Euro kostet es, das Schulgebäude solide und haltbar zu bauen“, beschreibt die Lehrerin die Pläne. Weitere Investitionen stehen in der Vorschule an. Die Wellblechdächer der inzwischen zwölf Jahre alten Gebäude haben Löcher, auch die Dachstühle müssen verstärkt werden. „Die Dächer haben wir jetzt fürs Erste ausgebessert, auf Dauer müssen sie aber ersetzt werden. Das werden wir bei einer kleinen Firma hier in Auftrag geben. Außerdem müssen wir den Spielplatz in den nächsten Jahren erneuern“, so der Plan von Paul Sauer. Der Spielplatz ist das Herzstück der Vorschule. In jeder freien Minute turnen, schaukeln und rutschen die Kinder dort in Scharen. „Da leidet natürlich das Material, dazu kommt die lang anhaltende extreme Trockenheit, die besonders den Holzteilen zusetzt“, erklärt der Bauspezialist.

Fotos: Die weißen Haare von Michael Schuster faszinieren die Schüler. Wenn Petra Schmidt-Sauer das Schulgelände betritt, ist sie gleich von den Kindern umringt.

In diesem Jahr ist es der Gruppe aus Koblenz gelungen, die Spielgeräte wieder so weit  auszubessern, dass die Kinder gefahrlos spielen können. „Das wird von Jahr zu Jahr schwieriger, Holz ist in Kenia schwer zu bekommen“, beschreibt Michael Schuster die Lage. Ein Dutzend Kinder beobachtet ihn, während er ein neues Brett an eine Schaukel schraubt. Er schafft es gerade noch, seinen Werkzeugkasten zur Seite zu räumen, und schon haben die Kleinen den Spielplatz wieder in Besitz genommen. „Die Kinder haben in der Vorschule ein heftiges Lernpensum. Sie lernen rechnen und schreiben, aber auch zusätzlich zu Kisuaheli schon Englisch. Die brauchen dann in den Pausen den Ausgleich auf dem Spielplatz“, sagt Petra Schmidt-Sauer, während sie einer Gruppe von Kindern ausweicht, die auf die Rutsche zustürmt.

In der nächsten Stunde treffen sich alle in der achteckigen Mensa. Schulkinder aus der Region Koblenz haben Buntstifte gespendet. Die werden jetzt verteilt. Danach reicht Köchin Joice Porridge durch das Fenster der Küche. Die Kinder haben zu Hause noch nicht gefrühstückt, stellen sich, ohne zu drängeln in eine Reihe, um den nahrhaften Getreidebrei in Empfang zu nehmen.

Zur gleichen Zeit lernen Evans und seine Freunde aus der vierten Klasse von ihrem Mathematiklehrer Dominic alles über gerade und ungerade Zahlen. „Which of the following numbers is divisible by 2“, hat der an die Tafel geschrieben, welche Zahlen sind durch 2 teilbar. Seine kleine Schwester Naomi erfährt derweil von ihrer Lehrerin Linner im Sachkundeunterricht, was man über Elektrizität wissen muss. In der nächsten Stunde treffen sich die Mädchen in einem der Klassenräume. „Let’s talk about girls, boys, babies, bodies, families and friends” steht auf dem Buch, das sie durcharbeiten. Sexualerziehung und alles, was mit Körperbewusstsein zu tun hat, war lange Zeit auf den Lehrplänen nicht vorgesehen. „Seit einigen Jahren tasten wir uns behutsam an das Thema heran. In Kenia spricht man noch nicht so offen über Sexualität, wie es bei uns üblich ist. Da kann es schon mal vorkommen, dass Lehrerinnen und Lehrer trotz ihrer dunklen Hautfarbe erröten“, erklärt Petra Schmidt-Sauer.

Auf dem Schulhof begegnet uns Thaddeaus Bariso. Der 35-Jährige ist erst seit einigen Monaten Rektor der Mirisa Academy. Er ist stolz, an einer Schule arbeiten zu dürfen, die einen Beitrag dazu leistet, die Gesellschaft gewaltfrei zu verändern und Kindern den Weg in eine glückliche Zukunft zu ermöglichen. Zuvor hat er an verschiedenen staatlichen Schulen gearbeitet und kennt die Zustände dort. Mehr als 70 Kinder pro Klasse sind üblich, es fehlt an Unterrichtsmaterialien und Mobiliar, und die Gebäude sind marode. Hier freut er sich jeden Tag darüber, dass die Kinder auch nach der Schule noch gern bleiben und in der Mirisa Academy eine zweite Heimat gefunden haben.

Schon bald ist Mittagspause. Köchin Selly verteilt Reis mit Gemüse an die hungrigen Kinder. „Auch das unterscheidet uns von den meisten staatlichen Schulen“, erzählt Thaddeaus Bariso: „Hier gibt es gesundes, vitaminreiches Essen und sauberes Trinkwasser.“ Inzwischen haben die Kinder aufgegessen und spülen ihr Geschirr ab. Dann geht es zu den erst vor wenigen Tagen von den Friedenskindern montierten Trinkwasserhähnen.

Foto: Sauberes Wasser ist wichtig für die Gesundheit der Kinder

Es gibt jetzt für jede Klasse einen Wasserhahn zum Füllen der Trinkflaschen. Schulmanager Paul Mites beobachtet das Treiben dabei mit zufriedener Miene: „Früher mussten die Kinder lange in der Schlange stehen, um Wasser zu holen. Jetzt geht es ganz schnell. Das entspricht dem Motto unserer Schule: ,Schritt für Schritt immer vorwärts‘.“ Und dann lobt er das Engagement der Friedenskinder: „Wie immer haben sie ein Lächeln auf die Gesichter der Kinder gezaubert.“

Thomas Frey

SEITE 10 Koblenz extra NR. 273 · MONTAG, 25. NOVEMBER 2019

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